Bücher über Luftfahrt: was taugt, und für wen

Wer ein Luftfahrtbuch kauft, kauft oft das falsche: ein Lehrbuch mit Differentialgleichungen für den bloß Interessierten oder ein Buch ohne jede Formel für den, der rechnen will. Die eigentliche Leistung liegt darin, ein Werk zu finden, das zum eigenen Vorwissen passt, nicht zum dicksten Rücken im Regal.

Gestapelte Bücher mit sichtbaren Buchschnitten neben einem Fensterlicht

Wer verstehen will, warum ein Flugzeug fliegt

Bei der Frage, warum ein Flügel trägt, hilft nicht das dickste Buch, sondern das mit dem passenden Vorwissen. Wer keine höhere Mathematik beherrscht, sitzt vor einem Lehrbuch mit hergeleiteten Differentialgleichungen ratlos, und wer als angehender Ingenieur ein Buch ohne eine einzige Formel liest, lernt zu wenig, um damit zu rechnen. Vier Werke haben sich im deutsch- und englischsprachigen Raum als Standard etabliert, und sie unterscheiden sich vor allem in genau diesem Punkt.

Am zugänglichsten ist Understanding Flight von David F. Anderson und Scott Eberhardt, geschrieben von zwei Piloten, einem Physiker und einem Luftfahrtingenieur, bewusst ohne höhere Mathematik. Das Buch räumt gezielt mit verbreiteten Denkfehlern zur Aerodynamik auf und richtet sich an Flugschüler, angehende Ingenieure und Interessierte ohne Fachstudium.

Eine Stufe praxisnäher liegt Stick and Rudder von Wolfgang Langewiesche aus dem Jahr 1944, bis heute im englischsprachigen Raum eines der meistempfohlenen Bücher zum Fliegenlernen. Es erklärt nicht die Formel für den Auftrieb, sondern was ein Pilot mit den Rudern tatsächlich tut und warum, ausgehend vom Anstellwinkel statt von der Fahrt.

Wer rechnen will statt nur zu verstehen, kommt zuFundamentals of Aerodynamics von John D. Anderson (nicht zu verwechseln mit David F. Anderson oben), einem an amerikanischen und zunehmend auch deutschen Hochschulen verbreiteten Lehrbuch der Luft- und Raumfahrttechnik. Es setzt Differential- und Integralrechnung voraus und baut die Aerodynamik systematisch von der reibungsfreien bis zur kompressiblen Strömung auf. Wer diesen Weg einschlagen will, findet die passenden Studiengänge unterStudium und Ausbildung.

Das eigentliche Standardwerk der deutschsprachigen Strömungslehre trägt weiterhin den Namen seines Begründers: Prandtl, Führer durch die Strömungslehre, von Ludwig Prandtl in den 1930er und 1940er Jahren angelegt und seither, zuletzt unter der Herausgeberschaft von Herbert Oertel jr., von einem Autorenteam fortgeführt. Es ist weniger ein Lehrbuch zum Durcharbeiten als ein Nachschlagewerk für alle, die schon in der Strömungsmechanik stehen, mit Differentialgleichungen auf praktisch jeder Seite. Wie die Kräfte am Flügel im Einzelnen zusammenwirken, unabhängig vom gewählten Buch, steht unterWie ein Flugzeug fliegt; wer die Effekte selbst ausprobieren will, ohne gleich ins Cockpit zu steigen, tut das imFlugsimulator.

BuchFür wenVoraussetzung
Understanding Flight (Anderson/Eberhardt)Einstieg ohne FachstudiumKeine, bewusst ohne höhere Mathematik
Stick and Rudder (Langewiesche)Wer das Fliegen aus Pilotensicht verstehen willKeine, nur Interesse am praktischen Handwerk
Fundamentals of Aerodynamics (J. D. Anderson)Luft- und Raumfahrttechnik-StudierendeDifferential- und Integralrechnung
Prandtl, Führer durch die StrömungslehreNachschlagewerk für Studium, Lehre, ForschungGrundlagen der Strömungsmechanik

Wer eine Lizenz machen will

Bei der Ausbildungsliteratur für den Pilotenschein gilt eine andere Logik als bei den Standardwerken oben: Hier sucht sich kaum jemand das Buch selbst aus. Die Flugschule oder der Verband gibt vor, mit welchem Ausbildungshandbuch unterrichtet wird, weil dessen Kapitel auf den amtlichen Lernzielkatalog und den jeweiligen Fragenkatalog abgestimmt sein müssen. Wer parallel ein anderes Werk kauft, tut das zur Ergänzung, nicht als Ersatz, und viele Schulen bieten das vorgeschriebene Material inzwischen als E-Learning statt als gedrucktes Buch an.

Der Grund, warum sich das kaum vergleichen lässt: Die Fächer selbst, Luftrecht, Meteorologie, Navigation, Flugzeugkunde, sind bei jedem Anbieter dieselben, weil sie vom Lehrplan vorgegeben sind, aber die Prüfungsfragen unterscheiden sich zwischen den zuständigen Stellen. Ein Buch, das perfekt auf den einen Fragenkatalog vorbereitet, kann bei einem anderen Anbieter Lücken lassen. Welche Lizenzstufe überhaupt infrage kommt und was sie kostet, steht unterPilot werden.

Wer die Geschichte der Luftfahrt lesen will

Bei Luftfahrtgeschichte lohnt eine einzelne, gut recherchierte Biografie mehr als eine allgemeine Chronik. Ein Beispiel, das diesen Anspruch einlöst, ist Pioniere des Himmels: Die Brüder Wright von Andreas Venzke, erschienen im Artemis & Winkler Verlag zum hundertsten Jahrestag des ersten Motorflugs. Rezensionen loben die Materialfülle und die kritische Distanz, mit der Venzke die beiden Fahrradmechaniker aus Ohio zeichnet, weit weg vom reinen Heldenbild; an der literarischen Umsetzung gab es auch kritische Stimmen, am Fakten-Gerüst nicht.

Was ein Buch dieser Art von einer bloßen Zeittafel unterscheidet: Es erklärt, woran frühere Konstruktionen scheiterten, etwa daran, dass sich die Brüder Wright zunächst auf die fehlerhaften Auftriebstabellen anderer Flugpioniere verließen, bis sie 1901 einen eigenen Windkanal bauten und darin selbst mehr als 200 Flügelprofile vermaßen. Solche Einzelheiten, nicht das bloße Datum des ersten Fluges, machen den Unterschied zwischen einem Buch, das etwas erklärt, und einem, das nur aufzählt.

Wer Erlebnisberichte sucht

Ein einzelnes Beispiel trägt hier mehr als eine lange Liste:Wind, Sand und Sterne von Antoine de Saint-Exupéry, im französischen Original 1939 unter dem Titel Terre des hommeserschienen, die deutsche Übersetzung im selben Jahr beim Karl Rauch Verlag. Saint-Exupéry flog von 1926 bis 1935 als Postpilot über Nordafrika und Südamerika, über Wüste, Ozean und die Anden, zu einer Zeit, in der ein Triebwerksausfall über der Sahara den Fußmarsch zurück in die Zivilisation bedeutete statt eines Notrufs. Das Buch beschreibt keine Technik, sondern das, was sich mit Technik erst beschreiben lässt: wie sich Entfernung, Wetter und Risiko anfühlten, bevor Funk und Radar sie berechenbar machten.

Wer ein zeitgenössisches Gegenstück sucht, findet inzwischen auch Berichte aktiver Linienpiloten, meist auf Englisch und stärker auf den Alltag im Cockpit als auf das Abenteuer ausgerichtet. Gemeinsam ist alten wie neuen Erlebnisberichten, dass sie am wenigsten taugen, wenn eine Zahl oder ein Verfahren daraus wörtlich übernommen werden soll: Sie sind Literatur, keine Betriebsanleitung.

Woran man erkennt, ob ein Luftfahrtbuch taugt

Bei den Standardwerken oben lässt sich die Qualität kaum bezweifeln, weil sie sich über Jahrzehnte gegen Konkurrenz durchgesetzt haben. Bei allem, was neu erscheint oder aus einer unbekannten Quelle stammt, helfen ein paar Prüffragen, die sich in wenigen Minuten beantworten lassen.

Erscheinungsjahr gegen Regelungsstand
Bei Büchern zu Recht, Prüfungsordnungen oder Zulassungsverfahren zählt nicht das Erscheinungsjahr an sich, sondern ob es vor oder nach der jeweils entscheidenden Änderung liegt. Ein Buch zum Luftrecht aus der Zeit vor der EU-Drohnenverordnung ist in diesem Teil wertlos, ganz gleich wie gut der Rest ist. Dasselbe Prinzip gilt für Literatur zum Modellflugrecht, siehe Modellflug und Recht.
Auflagenzahl
Ein Buch, das mehrfach neu aufgelegt wurde, hat wiederholt Leser, Rezensenten und oft auch Fachlektoren überstanden. Das ist kein Garant, aber ein brauchbares Indiz, gerade bei Lehrbüchern, die über Jahrzehnte im Einsatz sind und mit jeder Auflage Fehler ausmerzen.
Verlag
Ein Fachverlag mit Luftfahrt- oder Technikschwerpunkt lässt Manuskripte in aller Regel gegenlesen, ein im Eigenverlag erschienenes Buch nicht zwingend. Das schließt gute Eigenverlagsbücher nicht aus, verschiebt aber die Beweislast: Bei ihnen lohnt ein Blick in eine Leseprobe, bevor Geld fließt.
Ob der Autor selbst fliegt
Wer selbst im Cockpit sitzt, merkt beim Schreiben eher, wenn eine Erklärung zwar mathematisch stimmt, aber am realen Verhalten des Flugzeugs vorbeigeht. Sowohl bei Understanding Flight als auch bei Stick and Rudder ist genau das der Grund, warum Piloten sie bis heute empfehlen.
Hergeleitete oder nur behauptete Formeln
Ein Buch, das eine Formel herleitet, zeigt, woher sie kommt und wo ihre Grenzen liegen. Ein Buch, das dieselbe Formel nur hinschreibt, verlangt blindes Vertrauen. Für den ersten Zugang reicht Letzteres oft aus, als einzige Quelle zu einem Thema ist es zu wenig.

Ein verbreiteter Irrtum: Ein dickes Buch voller Formeln erklärt nicht automatisch besser als ein dünnes ohne. Understanding Flight kommt mit rund 250 Seiten und ganz ohne höhere Mathematik aus und gilt unter Piloten trotzdem als eines der klarsten Bücher zum Thema, während ein umfangreiches Lehrbuch wie Fundamentals of Aerodynamics nicht für denselben Leser geschrieben ist, sondern für ein anderes Vorwissen. Dicke und Formelmenge sagen etwas über die Zielgruppe, nichts über die Erklärungsqualität.

Häufige Fragen

Gibt es die englischsprachigen Standardwerke auch auf Deutsch?

Für Understanding Flight und für Stick and Rudder ist keine deutsche Übersetzung geläufig, beide liegen praktisch nur im Original vor. Das deutschsprachige Gegenstück ist der Prandtl, der allerdings ein anderes Publikum anspricht und mit Differentialgleichungen arbeitet statt mit einfachen Bildern. Wer mit Fachenglisch unsicher ist, profitiert trotzdem von den zahlreichen Abbildungen in beiden Büchern, die auch ohne perfektes Sprachverständnis viel erklären.

Muss ich schon fliegen können, um Stick and Rudder zu verstehen?

Nein, das Buch beginnt bei den Grundlagen des Anstellwinkels und setzt keine eigene Flugerfahrung voraus, obwohl der Titel das nahelegt. Wer bereits eine Lizenz hat, liest es beim zweiten Mal oft anders, weil einzelne Abschnitte erst mit eigener Erfahrung im Cockpit vollständig einleuchten. Genau diese doppelte Zielgruppe, Anfänger und erfahrene Piloten gleichermaßen, hat es über achtzig Jahre im Druck gehalten.

Erklärt Wind, Sand und Sterne auch, wie ein Flugzeug technisch fliegt?

Kaum. Saint-Exupéry beschreibt, wie sich das Fliegen über Wüste, Ozean und Gebirge in den 1920er und 1930er Jahren anfühlte und welche Entscheidungen ein Postpilot dabei traf, nicht die Aerodynamik dahinter. Wer die Technik verstehen will, ist bei Understanding Flight oder beim Prandtl besser aufgehoben, wer wissen will, wie sich der Beruf damals anfühlte, bei Saint-Exupéry.

Was mache ich, wenn ein empfohlenes Buch vergriffen ist?

Bei älteren Titeln wie Pioniere des Himmels oder frühen Auflagen der englischsprachigen Standardwerke kommt das häufiger vor. Antiquariate und der gebrauchte Buchhandel führen sie meist trotzdem, und bei Sachbüchern ist ein gebrauchtes Exemplar inhaltlich gleichwertig zu einem neuen, solange der Regelungsstand des Themas nicht betroffen ist. Bibliotheken mit Luftfahrtschwerpunkt sind eine weitere, oft übersehene Quelle.

Ändert sich der Inhalt der Aerodynamik-Standardwerke mit neuen Auflagen überhaupt noch?

Bei den physikalischen Grundprinzipien kaum, sie stehen seit Jahrzehnten fest und ändern sich nicht mit der Auflage. Neue Auflagen ergänzen meist Rechenbeispiele, ein Kapitel zur numerischen Strömungssimulation oder aktuellere Fluggeräte als Beispiel, das Fundament bleibt gleich. Wer ein älteres, gebrauchtes Exemplar eines Standardwerks findet, verpasst deshalb selten etwas Entscheidendes.

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